Gershwin am Klavier mit Notenblatt

Ein Stück amerikanische Musik

Was ist amerikanische Musik? Wie klingt sie? Und was sind ihre Wurzeln? George Gershwin hat 1924 mit seiner „Rhapsody in Blue“ eine Musik geschaffen, mit der sich alle Amerikaner identifizieren konnten. Dabei war es Glück, dass dieses Stück überhaupt geschrieben wurde.

Gershwin wurde erpresst

Zunächst war Gershwin vor allem als Komponist von Musicals und Schlagern bekannt. Dann machte ihm ein gewisse Paul Whiteman den Vorschlag, ein großes Jazz-Stück für Orchester zu schreiben. Whiteman war als Leiter einer Tanzkapelle immer auf der Suche nach neuer Musik. Und er war sicher, dass Gershwin der richtige Mann war, um eine wirklich „amerikanische Musik“ zu schrieben. Gershwin zögerte. Er kannte Jazzmusik zwar von den afroamerikanischen Musikern, denen er bereits als Kind auf der Straße und vor den Lokalen gelauscht hatte, aber er selbst war kein Jazzmusiker und hatte großen Respekt vor dieser Art von Musik.

George Gershwin und Paul Whiteman

George Gershwin und Paul Whiteman, der „King of Jazz“.

Aber Paul Whiteman gab nicht auf. Er wurde überall als „King of Jazz“ bezeichnet, obwohl die Musik, die er aufführte, nicht viel mit dem originalen Jazz der Afroamerikaner zu tun hatte. Seine Kapelle spielte Musik, die einiges vom Jazz übernommen hatte, aber in erster Linie am dollarbringenden Schlagerstil orientiert war. Dafür fehlte ihr der empfindungsstarke Ausdruck des originalen Jazz. Whiteman träumte davon, den Leuten eine amerikanische Musik zu präsentieren – eine Idee, die Gershwin eigentlich teilte. Dennoch fühlte er sich der Aufgabe nicht gewachsen. Also half Whiteman etwas nach, um Gershwin zum Komponieren zu überreden. Und das fädelte er sehr geschickt ein.

Überraschung in der Zeitung

Anfang des Jahres 1924 stieß George Gershwin überrascht auf eine Zeitungsannonce, in der Whiteman ein Konzert mit ihm ankündigte. „George Gershwin arbeitet zur Zeit an einem Jazz-Konzert…“, hieß es in dem Artikel. Als Datum für die Aufführung wurde der 12. Februar genannt. Gershwin war geschockt. Whiteman versuchte, ihn mit dieser Zeitungsanzeige zu erpressen. Nun hatte Gershwin keine Wahl mehr: Er musste das Stück schreiben, und zwar innerhalb weniger Wochen. Sofort setzte er sich ans Klavier und machte sich an die Arbeit. Dabei bemühte sich Gershwin, den Stil der Kunstmusik, wie man sie in den großen Konzertsälen zu hören bekommt, mit Elementen der Jazzmusik zu verbinden.

„Ich betrachte den Jazz als amerikanische Volksmusik, eine sehr kraftvolle Musik, die dem amerikanischen Volk wahrscheinlich stärker im Blut liegt, als dies bei Volksmusik anderen Stils der Fall ist.“ George Gershwin

Keine echte Jazzmusik

Die „Rhapsody in Blue“ ist keine echte Jazzmusik. Aber Gershwin verwendete darin Elemente der Jazzmusik. Ursprünglich schrieb Gershwin das Stück für zwei Klaviere. Paul Whitemans Arrangeur Ferde Grofé arbeitete das Stück um: für Klavier, klassisches Orchester und Jazz-Kapelle. Dazu gehören auch Instrumente wie Bassklarinette, Tuba, Banjo und Saxophone. Durch diese Kombination von klassischer Musik und Jazz schuf Gershwin eine Brücke zwischen den verschiedenen Bevölkerungsschichten.

„Mein Volk ist das amerikanische Volk; meine Zeit ist die heutige Zeit – und die Musik muss die Gedanken und das Sehnen der Zeit aufgreifen.“ George Gershwin

Die Uraufführung fand am 12. Februar 1924 in der New Yorker Aeolian Hall statt. War das Datum Zufall? Der 12. Februar war der Geburtstag des ehemaligen amerikanischen Präsidenten Abraham Lincoln, der sich vor allem für die Abschaffung der Sklaverei in Amerika eingesetzt hatte. Vielleicht steckte hinter der Wahl des Datums also auch ein klares Zeichen an die amerikanische Bevölkerung, die sich aus schwarz und weiß zusammensetzte.

Eine Musik für alle Amerikaner

George Gershwin am Klavier

George Gershwin spielte bei der Uraufführung den Klavierpart selbst.

Dieses Konzert versprach etwas Denkwürdiges zu präsentieren – eine Musik für alle Amerikaner! Und deshalb waren auch so viele Menschen gekommen, dass die meisten wieder heimgeschickt werden mussten, weil der Saal in kürzester Zeit ausverkauft war. Im Publikum saßen viele bedeutende Musiker – unter ihnen auch Sergej Rachmaninow und Igor Strawinsky. George Gershwin spielte bei der Uraufführung den Solo-Part am Klavier selbst. Und das Konzert wurde ein Riesenerfolg.

Charakteristisch ist der Beginn des Stücks mit dem langgezogenen Glissando in der Soloklarinette, das sich über zweieinhalb Oktaven erstreckt. Schon damit gewann Gershwin die Aufmerksamkeit des Publikums. Und er traf wohl auch die richtige Mischung aus Kunstmusik und Jazz, Orchesterklängen und jazzigen Rhythmen. Und wer genau hinhört, kann in der Musik sogar die Hektik der Großstadt New York heraushören, die Gershwin miteinfließen ließ. Zunächst wollte er das Stück „Amerikanische Rhapsody“ nennen, um deutlich zu machen, dass es sich hier um echte amerikanische Musik handelte. Die Idee zum Titel „Rhapsody in Blue“ kam von seinem Bruder und Textdichter Ira Gershwin. Die Absicht blieb jedoch dieselbe: der amerikanischen Musik eine eigene nationale Identität zu verleihen.

Wie reagierte die Presse?

„Gershwins Beitrag erwies sich als eine hoch raffinierte Komposition, die vom Pianisten außerordentliche Fingerfertigkeiten abverlangte und einen orchestralen Hintergrund bereitstellt, in dem Saxophone, Posaunen und Klarinetten miteinander in einer wirklich geschickt gemachten Instrumentation verflochten werden. Wenn dies der Weg ist, auf dem die Entwicklung der amerikanischen modernen Musik hohe künstlerische Formen annimmt, dann kann man Mr. Gershwin nur von Herzen dazu gratulieren, dass er uns einige dieser Möglichkeiten gezeigt hat.“ W.J. Henderson, New York Herald, 13. Februar 1924
„Gershwins Komposition trug zu Recht den Titel Rhapsodie, der dazu geeignet scheint, gewisse Formlosigkeiten im mittleren Teil des Werkes, der sich zu sehr auf das Frage-Antwort-Spiel seitens des Klaviers stützte, zu überdecken. Aber der Anfang und das Ende waren toll. Vor allem der Anfang, der trunkene Aufschrei einer Klarinette, erzielt durch die rollende Bewegung der Zunge, erschütterte das Publikum. In Mr. Gershwin stecken eine Menge nicht zu unterschätzender Begabungen.“ Gilbert Gabriel, New York Sun, 13. Februar 1924
„Whiteman und Gershwin haben ein neues Kapitel unserer Musikgeschichte geschrieben.“Henrietta Strauss, The Nation, 5. März 1924